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Peter’s Lebenslauf - der Anfang in Berlin

Geboren wurde ich am 26.Februar 1925 in Berlin-Schöneberg, als zweiter Sohn des Literarhistorikers, Theaterkritikers und Schriftstellers Dr. Guido Karl Brand und seiner Ehefrau Elsa, geb. Hlatki. Mit sechs kam ich in die Volksschule, zu der nur ein paar Schritte über die Straße zu gehen waren. In Berlin war damals Schuljahreswechsel zu Ostern, an der Reichsdeutschen Schule in Budapest (Ungarn) - dorthin zog die Familie im Sommer 1934 um -im Herbst. So kam ich nach 3 ¼ Jahren Volksschule gleich in die erste Gymnasialklasse. Als sie ein Jahr später nach Berlin zurückkehrten, „hüpfte“ ich nochmals ein halbes Jahr und schaffte gleich die zweite Klasse (Quinta) der „Oberrealschule“, wie sich das „Martin-Luther-Gymnasium“ nannte, das auch die Schule meines Bruders war. Als dann später der „Führer“ Soldaten brauchte, wurde außerdem noch die „Obersekunda“ gestrichen. Ich gewann ein weiteres Jahr und machte Ostern 1942 mit 17 das Abitur - zweimal mit der Zensur 1 auf dem Abschlusszeugnis: in Deutsch und Musik.

 

Der Vater und die Familie Brand

Der Name Brand lässt sich quer durchs Frankenland bis zu der Gemeinde Brand in der Oberpfalz, am Fuße des Fichtelgebirges (Geburtsort des Komponisten Max Reger, 1873-1913)(siehe Anm.:), zurückverfolgen, so stellte mein Bruder bei seiner Ahnenforschung fest. Meine Unterlagen reichen bis 1781 zurück: In Neunstetten gab es da einen Landgerichtsassessor Peter Adam Brand, in Feuchtwangen später den Bezirksamtmann Gottlieb Ludwig Brand. Schließlich wird am 4.März 1857 in Leutershausen (alles Orte im Umkreis von Ansbach) Carl August Ludwig Brand geboren, mein Großvater. Er studiert in München Medizin, lernt dort die (am 16.Februar 1863 in Marktschorgast bei Kulmbach geborene) Hausverwalterstochter Maria Mayer kennen, heiratet sie 1885 und übernimmt mit ihr kurze Zeit später eine Landarztpraxis.

 

Dort, in dem Spessartdorf Rothenbuch bei Lohr am Main, kamen dann auch, die Söhne Guido Karl (20.Mai 1889) und Carl Valentin (21.August 1893) zur Welt. Beide besuchten erst die Dorfschule, bevor sie in Aschaffenburg und Frankfurt/Main auf das Gymnasium geschickt wurden und danach studieren konnten. Der „Quitsch“, wie Vater Guido, gern genannt wurde, erwarb 1914, zwei Wochen vor Ausbruch des 1.Weltkriegs, noch seinen Doktortitel der Philosophie in Würzburg, der Jüngere studierte Medizin und übernahm 1924 nach dem Tod seines Vaters die Dorfpraxis. 1915 heiratet der Vater in Stuttgart die Bäckermeisterstochter Elsa Hlatki. 1917 wird der erste Sohn geboren, Heinzludwig, etwa 1920 zieht die Familie nach Berlin.

Hier ist der Vater, der bis zum letzten Tag des Krieges als Offizier an der Front war, zuerst Redakteur beim „Berliner Tageblatt“, versucht sich als Theaterkritiker und macht sich dann als Buchkritiker einen Namen. Später wechselt er zur RDV („Reichsbahnzentrale für den Deutschen Reiseverkehr“), Vorläufer des späteren DER -Reisebüros - und produziert Werbefilme und -broschüren („Public Relations“ würde man heute dazu sagen). Nebenbei entsteht in fünf Jahren harter Feierabend- und Wochenendarbeit eine 570-seitige „Geschichte der deutschen Literatur“ der Jahre 1880 bis 1930, die im Dezember 1932 auf den Buchmarkt kommt. Sie enthält neben zahlreichen Daten jüdischer Autoren auch ein ziemlich unfreundliches Zitat über den „Herrn Hitler“. Das veranlasst den Verlag, nach Hitlers „Machtergreifung“ im Januar 1933 die bereits ausgelieferten Exemplare zurückzuziehen und einzustampfen. Da war nicht nur eine fünfjährige Arbeit umsonst, da wurde ein Lebenswerk vernichtet.

 

Im Krieg verschollen

Der Vater lässt sich im Sommer 1934 ins Ausland, nach Budapest, versetzen. Differenzen führen jedoch nach einem Jahr zum Verlust der Position. Die Familie zieht im August 1935 erneut um, mit dem gesamten Mobiliar, der riesigen Bibliothek und Drahthaarterrier „Piefke“ - zurück nach Berlin. Für Peter, den damals Zehnjährigen, waren die vielen Reisen - im Sommer 1935 gab es außerdem eine Ferienreise mit dem Donaudampfer von Budapest nach Linz sowie Besuche in Stuttgart und Rothenbuch - eher eine abenteuerliche Phase, in der er von den Sorgen der Eltern nichts bemerkte. Der Vater versuchte sich als freier Schriftsteller, hatte damit nach langer Anlaufzeit endlich Erfolg - da begann im September 1939 der Zweite Weltkrieg.

Er wurde als Reserveoffizier einberufen, blieb aber zunächst in Berlin. Bei einem Kontrolldienst im Amt während eines nächtlichen Luftangriffs im Sommer 1943 stürzte er durch eine Glaskuppel in einen ca. 9 Meter hohen Saal. Der Sturz wurde glücklicherweise durch sein Koppel an einem vorspringenden Sims gebremst. Aber er war doch schwer verletzt und musste eine monatelange Kur in Karlsbad antreten. Später wurde er in eine Dienststelle östlich von Berlin versetzt. Von dort kam er, als Peter ihn noch einmal am 20.April 1945 in Neuruppin traf.

Seine Frau Elsa sieht ihn zuletzt Ende April in der Behelfswohnung in Werneuchen und bittet ihn noch vergeblich, wegen den anrückenden Russischen Soldaten, nicht mehr aus dem Haus zu gehen.

Seitdem fehlt von dem Vater jede Spur.

 

Die Mutter Elsa Clara, geb. Hlatki, ebenfalls Jahrgang 1889, konnte Zeit ihres Lebens ihre schwäbische Herkunft nicht verleugnen. Ihr Geburtsname weist jedoch auf den böhmisch/mährischen Ursprung der Familie hin.

 

Die Mutter und die Familie Hlatki

Hier geht es zu diesem Teil der Biographie

Der Bruder / Der Zweite Weltkrieg

Im selben Jahr, als ihre Schwester starb (1921), bekam meine Mutter in Berlin Zwillinge (Jungen), die ihre Geburt nur kurz überlebten. Dem habe ich es wohl zu verdanken, dass ich dann vier Jahre später, quasi als Nachzügler, auf die Welt kam. Mein Bruder hatte durch den Wechsel nach Budapest Zeit verloren: Er machte sein Abitur später als geplant, 1936, wurde danach für ein halbes Jahr zum Arbeitsdienst und anschließend (für 2 Jahre) zur Wehrmacht einberufen. Anfang 1939 konnte er gerade noch zwei so genannte „Trimester“ (auf vier Monate verkürzte Semester) Musikgeschichte studieren. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Er wurde sofort wieder einberufen, kam zu den Heeres-(Aufklärungs-) Fliegern, wurde beim Einsatz in Frankreich verwundet. Im Juni 1941, kurz nach Beginn des Russland-Feldzuges, wird seine Einheit in den Norden Finnlands verlegt. Am 3.September 1941 wird er beim Flug über der Kola-Bucht bei Murmansk von sowjetischen Jagdflugzeugen abgeschossen. Ein Spähtrupp kann ihn und den Piloten später in der Weite der weglosen Tundra finden und beisetzen.

Anfang 1941 wurde ich Mitglied im Berliner „Mozart-Chor“ und in der „Rundfunk-Spielschar am Deutschlandsender“. Wie alle Jugendverbände damals waren auch diese Einheiten in die „Hitler-Jugend“ eingegliedert.

Aber so machte der Pflicht-Dienst natürlich Spaß: Statt Arbeitsdienst wurde ich für die gemeinsame Musikschule „freigestellt“.

 

Musik und Kriegsdienst

Das ermöglichte es mir, nach dem Abitur ab Herbst 1942 an der Berliner Hochschule für Musik zu studieren. Ich wollte Dirigent werden; am Beginn standen zwei Semester Chorleitung. Der „Studiosus“ wurde zur rechten Hand unseres Chefs, ich studierte Einzelstimmen ein, leitete einige Konzertauftritte des Chores und des Orchesters, war viel unterwegs zu Proben und Veranstaltungen (Berlin ist groß!) und machte schöne  Konzertreisen mit (durchs Sudetenland, nach Norwegen, durch „Niederdonau“ und Steiermark, nach Salzburg, nach Posen, durch die Mark Brandenburg und nach Italien: Florenz, Siena und Rom, Bologna und Verona).

Im Juli 1943, noch vor der Zwischenprüfung als Chorleiter, wurde ich zum Kriegsdienst einberufen. Ich kam nach Spremberg zu den „Panzerjägern“; nach dem Grunddienst wurde ich als Reserve-Offiziersbewerber ausgebildet, wurde „Fahnenjunker-Unteroffizier“. Im April 1944 folgte ein halbes Jahr Frontdienst. Ich kam zunächst an einen ruhigen Abschnitt im Raum Cholm/Lublin (Polen), wo wir bloß hin und her geschoben wurden. Anfang Juli wurde es plötzlich heiß, ein schwerer russischer Angriff rollte an, schon kurz danach wurde mein Geschütz an einem Dorfrand durch den Volltreffer einer Panzergranate außer Gefecht gesetzt. Dabei wurde mein Ladeschütze, der einen halben Meter rechts neben mir stand, tödlich getroffen. Wir anderen Vier von der Besatzung wurden nur leicht verletzt. Wir fuhren zum „Tross“, der sich schon weiter westlich über die Weichsel abgesetzt hatte, die anderen Geschütze des Regiments wurden bei Cholm eingeschlossen. Von ihnen sahen wir später nur eine kleine Zahl wieder.

In den letzten Kriegsmonaten wurde ich mehrmals quer durch (Groß-) Deutschland geschickt: Im Herbst 1944 auf eine Waffenschule bei Brünn (Mähren). Da machte ich viel Musik, veranstaltete z.B. ein musikgeschichtliches Seminar, bei dem mir begabte Sänger und Instrumentalisten halfen. Mit ihnen sorgte ich bei „bunten Abenden“ aber auch für Unterhaltung. Als ich dann die (militärische) Abschlussprüfung zum Leutnant ablegen sollte, lag ich mit einer Bronchitis im Lazarett. So beendete ich den Lehrgang erfolglos als (Fahnenjunker-)Unteroffizier, wurde zurück nach Potsdam beordert, dann gleich retour nach Brünn, wo gerade Alarm wegen der immer näher rückenden Front herrschte und eine Kampfeinheit aufgestellt wurde.

Da drückte mir der Hauptmann, der sich an meinen musikalischen Darbietungen so erfreut hatte, einen sofortigen Marschbefehl in die Hand. Wohin? Nach Potsdam. Statt über Wien wie sonst musste ich über Prag fahren, etwa siebenmal den Zug wegen zerstörter Gleise wechseln, sah das zerbombte Dresden. Von Potsdam ging es weiter nach Neuruppin nördlich von Berlin. Von dort aus traf ich, wie schon erwähnt, meinen Vater zum letzten Mal.

 

Das Kriegsende

Unsere letzte Berliner Wohnung in Wilmersdorf, das Zuhause seit der Rückkehr 1935, wurde 1944 nach mehreren Bombenangriffen total zerstört. Die Eltern zogen vorher nach Werneuchen östlich von Berlin um, in ein so genanntes „Behelfsheim“, das später beschlagnahmt wurde. Im Mai 1945 besuchte es die Mutter einmal auf der Suche nach meinem Vater. Sie kommt hinzu, wie die „Genossen“ gerade die aus Berlin gerettete 4000-bändige Bibliothek in „Volkseigentum“ überführen. Das Klavier vergammelt im Garten. Sie gibt sich nicht zu erkennen und fährt zurück nach Weimar, wo sie in den letzten Kriegsmonaten Zuflucht gesucht hatte.

In dieser Zeit spielt sich auch im Spessart eine Tragödie ab: Der Bruder meines Vaters, Dr. Carl Brand, war 1943 als Arzt von Rothenbuch an das Krankenhaus von Lohr am Main dienstverpflichtet worden. Als sich kurz vor Ostern 1945 die Amerikaner der Stadt nähern, beschließt er mit anderen, Lohr kampflos zu übergeben und den Truppen mit einer weißen Fahne entgegen zufahren, angeblich mit Einverständnis des zuständigen Kreisleiters. Die Sache geht schief, der verdiente Arzt wird von einem fanatischen „Kampfkommandanten“ vor ein eilig einberufenes Standgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Obwohl die Amis nur wenige Kilometer vor Lohr stehen, wird das Urteil am Morgen des 2.April 1945 (Ostermontag) vollstreckt.

Nach kurzer Internierung bei den Briten in Schleswig-Holstein (wo ich natürlich ebenfalls musikalische Veranstaltungen mit Chor und Instrumentalsolisten organisiert habe), komme ich am 1.August 1945 nach Rothenbuch. Ich finde bei meiner Tante Alice im Doktorhaus Unterschlupf; ihre drei Kinder sind noch nicht heimgekehrt. Tochter Hilde, Jahrgang 1921, heiratet später einen Arzt, der die Praxis übernimmt; mein Vetter Ernst, Jahrgang 1924, kommt erst spät aus der Gefangenschaft in den USA zurück. Die Fortsetzung über das erste Jahrzehnt nach dem Krieg ist nun ausführlich in meinem Artikel in der Sonderausgabe des „Lohrer Echo -50 Jahre-“ zu lesen.

Bis auf ein paar persönliche Geschehnisse...

Wie zum Beispiel an jenem denkwürdigen 7.März 1946, als ich in der Turnhalle des Franziskanerinnenklosters eine Reihe junger Künstler begutachtete. Sie wollten mir auf dem Flügel oder auf anderen Instrumenten Stücke für das geplante Konzert vortragen, das auf Veranlassung der Militärregierung nur acht Tage später stattfinden sollte. Da kreuzten sich zum ersten Mal die Wege der Familien Brand und Hoffmann.

 

Was nicht im „Lohrer Echo“ steht

Für dieses Konzert hatte ich natürlich auch im privaten Bekanntenkreis geworben, so auch bei einer Frau Thimmig, mit der meine Mutter und ich gelegentlich beim Mittagessen zusammentrafen. Wenn es die Lebensmittelmarken erlaubten, besuchten wir eine Lohrer Gaststätte, die den Vorzug einer eigenen Metzgerei hatte. Da gab es dann schon mal infolge der Zugaben aus Schlachtungen etwas kräftigere Mahlzeiten. Frau Thimmigs Tochter Tamara hatte eine Freundin, die im gleichen Hause wohnte und nach ihrer Meinung hervorragend Klavier spielen würde. Ob sie die junge Dame mitbringen dürfe? Sie würden zusammen auch vierhändig spielen. Natürlich durfte sie. - Christa gestand mir später, dass sie furchtbar aufgeregt war, weil sie so etwas wie einen Musik-Professor, einen etwas älteren Herrn also, erwartete, der ihr streng auf die Finger sehen und ein hartes Urteil fällen würde. Dass sie da so ein junges Bürschchen mal eben über Zwanzig neben der Musiklehrerin Helene Burckhardt vorfinden würde, war schon eine Überraschung. Aber beruhigt hat sie das wohl keineswegs. Denn als sie mit Tamara ihre Sonate vortrug, hauten sie beide angespannt ziemlich kräftig in die Tasten, sodass die „Burgl“ anschließend etwas süffisant lächelnd bemerkte: „Aber meine Damen, der Komponist heißt doch Mozart und nicht Modick!“

Mit dieser anekdotenhaften Begebenheit, über die wir später noch oft und herzlich gelacht haben, begann unsere Romanze. Natürlich wurden die beiden Pianistinnen engagiert und bekamen von der Jury des Konzerts auch gleich einen Zweiten Preis. Zwischen beiden schwankte ich danach übrigens nur kurze Zeit, denn schon am 1.April bekam Christa den ersten Kuss von mir, mit der Beteuerung, dass es sich nicht um einen Aprilscherz handle.

 

1951 im März beendet Christa ihre Lehre erfolgreich; wir heiraten am 2.Juni.

 

 

Auszug aus der Familienchronik von Peter Brand in den Jahren 2001 /2002 zur engeren Familie Brand

 

Anm.:- eine Familiäre Ahnenverbindung zu dem Ort Brand, wie dargestellt, lässt sich anhand der mir derzeit vorliegenden Ahnendaten der Brand´s, die nun schon bis ca. 1590 zurückreichen, nicht belegen,

aber Vater Peter war eben doch auch sehr ein Max Reger Fan...

CBra 2012

 

Zu den weiteren Vorfahren der Brand - Linie, gefunden von CBra 2012-2016